„Was soll ich hier?“

Die siebte Klasse zeigt zauberhafte Lyrik

„Rücken Sie näher zueinander, dass ich mein Herz

auf Ihren Schoß legen kann.“

 

5

Else Lasker- Schüler, einfühlsam repräsentiert von einer Schülerin, war das „Publikum“ dieser Aufführung und leitete mit ihren eigenen Texten von einem Gedicht zum nächsten.

 

1

Die Schüler und Schülerinnen trugen schlichtes schwarz – weiß und der Boden des Gelben Saals wurde zur Bühne. Kostüme waren nicht nötig – so konnte die Macht der Worte sich entfalten. Das Publikum saß ringsherum und staunte stumm.

2

Große Dichter sind nicht alle schon lange tot – einige sind noch fast, andere noch ganz lebendig. Wusste man immer gleich, welche Texte von den Schülern selber stammten und welche in Büchern stehen?

3

Es war oft gar nicht „viel los“, und doch wurde es an keiner Stelle langwierig. Die Texte waren aufgeteilt, es kamen Stimmen von allen Seiten, es wurde mit verteilten Rollen rezitiert und manchmal auch dramatisch bewegt…

4

Schillers Bürgschaft: Wenn’s ich wäre, würde ich zum Tyrannen zurückkehren? Geht es um den Freund, oder um das eigene Gewissen? Um Ehre oder um Menschlichleit?

6

Frappierend die modernen Texte in der Mitte: „Schtzngrmm (Schützengraben)“ von Ernst Jandl zerrissen, fragmentiert und in schneller, abgerissener Bewegung – das Geschehen auf der Bühne anscheinend orientierungslos und doch geführt. So sieht zeitgenössische Kunst aus, wenn  sie zum Leben erwacht!

7

   kein fehler im system? keim im systemfehler?

                                    seine kehl im fyrsten? kein system im fehler?

8

Zwischendurch unerwartete Musik: Reinhard Meys  „Kaspar“, tief innerlich von der ganzen Klasse gesungen, und „Der Mond ist aufgegangen“ im dichten, quartenreichen Duett. Tiefe, respektvolle Stille ringsumher. Kein Applaus bis zum Ende. Alles darf nachklingen.

9

Zum Abschluss spricht Faust im Studierzimmer:

Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt.

10

So sprachen die SchülerInnen selber das Motto ihres Abends. Selten sah man so junge Menschen so leidenschaftlich in der Dichtkunst daheim. Jedes Wort saß, jede Gebärde war geformt, und alle Form hatte einen Inhalt. Das Ganze mit leichter Hand und viel Gewicht inszeniert von Thorsten Leonhard.

Moderne Kunst, die Nahrung ist für Geist und Seele.

Bilder von Michael Dörfer

Text: Sven Saar