Momo – Spiel der achten Klasse 2015

Momo – Klasenspiel Klasse 8

Die achte Klasse bringt den Klassiker aus den 70er Jahren auf die Bühne

von Oliver Schneider

Bilder von Martin Maier

Im Frühjahr werden die Tage länger, an den Abenden gewinnen wir Zeit, können die ersten Sonnenuntergänge am See verbummeln oder ohne künstliches Licht unsere Lieblingsbücher lesen oder – und das nicht nur, wenn wir ein Baumtagebuch schreiben – den Blättern beim Wachsen zuschauen. Das klingt nach Wahlwieser Idylle? Genau. Aber drei Dutzend Jugendliche haben es zwischen Ostern und Himmelfahrt nicht so idyllisch. Sie haben keine Zeit. Denn ab dem 15. Mai wollen sie im Gelben Saal der Freien Waldorfschule ein Theaterstück aufführen: „Momo“. Das Stück hat zwanzig Szenen, mehr als dreißig Rollen, jede Menge Musik, braucht viele aufwändige Kostüme und Bühnenbilder, zu denen unter anderem ein Amphitheater, eine Polizeistation, ein Krankenzimmer einer Nervenheilanstalt, ein Friseursalon, eine Osteria, ein beleuchteter Stundenblumentresor und ein Haus außerhalb von Raum und Zeit gehören. Das klingt nicht nach Idylle? Genau. Aber sie haben es geschafft. Am 15. Mai um halb elf Uhr am Abend spenden Eltern, Lehrer, Mitschüler und Freunde den knapp vierzig erschöpften, aber glücklichen Menschen auf der Bühne lang anhaltend Applaus.

 

Momo – Klasenspiel Klasse 8

Die Sache mit dem Verbeugen klappt zwar noch nicht so gut, aber in den gut drei Stunden davor ist das zeitkritische Märchen trotz seiner allzu deutlichen und schlichten Moral mit viel Leben und Spielwitz gefüllt worden.

Momo – Klasenspiel Klasse 8

 

Roland Redel hatte mit der achten Klasse der Freien Waldorfschule Wahlwies ein bekanntes und beliebtes Kinderbuch aus den 70er Jahren entstaubt und die dramatisierte Version einstudiert. Die meisten kennen die Geschichte des freundlichen Waisenkindes Momo, die Michael Ende als Parabel auf eine zunehmend entfremdete Gesellschaft geschrieben hat, in der die Humanität verloren geht. Auch dort geht es ja um eine Idylle inmitten einer eigentlich feindlichen Umwelt, gleichsam um das richtige Leben im falschen. Dass die Idylle von Momo und ihren Freunden bedroht ist, zeigt sich recht schnell, wenn der erste „graue Herr“ mit seiner absurden Rechnung in parucchiere Fusis Frisiersalon auftaucht – untermalt von dräuender Musik aus dem von Anne Martin geleiteten Orchester.

Momo – Klasenspiel Klasse 8

Von da an nimmt das Stück dramatische Fahrt auf, es gibt Missverständnisse, Streit und Versöhnung, groteske Verfolgungsjagden und wunderbare Rettungen ebenso wie verstörende und tiefsinnige Gespräche der Figuren. Vielleicht werden dabei die einen mehr von der Zeit- und Ewigkeitsphilosophie von Meister Hora berührt und die anderen eher von den handfesten Dialogen zwischen Liliana und Nino oder zwischen Nino und Nicola angesprochen. Kein Zuschauer kann sich aber spätestens im zweiten Teil nach der Pause dem Grauen entziehen, das die – eben – grauen Herren verströmen.

 

Momo – Klasenspiel Klasse 8

Die Kälte, welche sie verbreiten, wird auch im wie immer gut gewärmten Gelben Saal spürbar. Die Erleichterung über das knappe Happy End ist schließlich deutlich spürbar und auch wegen dieser fällt der Schlussapplaus so enthusiastisch aus.

Momo – Klasenspiel Klasse 8

 

Und das Verbeugen klappt am zweiten Abend schon viel besser als am ersten. Nun haben auch die Achtklässler und ihre Lehrer und Eltern wieder mehr Zeit, sicher nutzen sie sie in Michael Endes und also in ihrem eigenen Sinne.