„Kunst und Natur – Goetheanismus“

Rückblick: Ausstellungseröffnung Goetheanismus aus Sicht der Bildenden Kunst

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Vom 16. bis zum 18. Oktober 2015 stand die Freie Waldorfschule Wahlwies im Zeichen des Goetheanismus. Goetheanismus? Auch wenn die meisten Schüler und Eltern unserer Schule vielleicht schon einmal gehört haben, dass es im nicht allzu fernen Dornach ein Goetheanum gibt und auch wenn mindestens die Oberstufenschüler/innen schon haben raunen hören, dass die „Faust“-Epoche möglicherweise der Höhe- und Zielpunkt von zwölf Jahren Deutschunterricht an der Waldorfschule ist, dürfte dem größten Teil der Schulgemeinschaft unklar sein, was Goetheanismus eigentlich ist.

Zwei Wochen vor den Herbstferien bestand die Gelegenheit, diese Wissenslücke zu schließen. Axel Schliwa hatte im „Verein zur Förderung anschaulichen Kunstunterrichts“ eine aufwändige und fundierte Ausstellung erstellt und gab der Schule am Freitagabend zur Vernissage in seinem Eröffnungsvortrag „Goetheanismus aus Sicht der Bildenden Kunst“ einen hochinteressanten Einblick in das Thema. Die aufmerksamen Zuhörer im immerhin halbwegs gefüllten Gelben Saal betrachteten eine ganze Reihe von nicht nur expressionistischen Kunstwerken und anderen Dias, wie zum Beispiel Skizzen zur Metamorphose oder zur geometrischen Gestalt der Pflanzen, und ließen sich so auf die Reise in den Goetheanismus mitnehmen. Der im Vortrag zunächst die Verstandeskräfte ansprechende Lehrer hat weitgehend darauf verzichtet, die Zuhörer nach der Wirkung der präsentierten Bilder auf ihr individuelles Seelenleben bezüglich des Ge- und Missfallens zu befragen. In den Ausführungen zur Farbempfindung hat Axel Schliwa durch Schautafeln präzisiert, wie sich subjektives Farb- (oder eben Natur-) Empfinden erweitern lässt, indem man zusammenhängende seelische Erlebnisse im Vergleich verifiziert. Zudem präsentierte er verschiedene Versuche von Künstlern, die in unterschiedlicher Weise versuchten, ihre aus der Betrachtung der Natur resultierenden Erlebnisse künstlerisch ins Bild zu setzen. Solche Tätigkeit ist auch einer der Wesenskerne des Goetheanismus.

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Landläufig wird unter dem Begriff „empfindende Betrachtung der Natur“ eher an das romantische Gedicht „Wünschelrute“ von Eichendorff gedacht, als an die tendenziell eher kalte und klare Klassik Schillers und eben Goethes: „Schläft ein Lied in allen Dingen, / die da träumen fort und fort, / und die Welt hebt an zu singen, / triffst du nur das Zauberwort.“

Die auf Goethe zurückgreifende Naturbetrachtung, die von Rudolf Steiner zum Goetheanismus weiterentwickelt wurde, wirkt vielleicht deshalb weniger poesievoll, weil sie eine bislang ungewohnte Zusammenführung von Kunst und Naturwissenschaft ist, die differenzierter in die Details der Naturerscheinungen blickt.

Da es im visuellen Teil um Farbklänge in ihren feinen Nuancen, bzw. um deren konkrete Wirkung im Seelischen geht, musste bei der Erstellung der Diashow, der Website www.goetheanismus.net , dem Druck der Ausstellungstafeln, sowie des Kataloges großer Wert auf die richtige Farbwiedergabe gelegt werden. Diese Arbeit machte eine oftmalige Nachjustierung in der Druckerei erforderlich.

Dass die Phänomene der Natur nicht abstrakt definiert und mit Formeln beschrieben, sondern veranschaulicht werden, um zu einem über das Erleben erzielten Erkenntnis- und Lernerfolg zu führen, hat dann am zweiten Abend Sven Saar in seinem Vortrag anschaulich gemacht. Ausgehend von John Godfried Saxes eine indische Fabel nacherzählendem und die zersplittert-analytische Weltwahrnehmung karikierendem Gedicht „the blind men and the elephant“ hat er mit einer ganzen Reihe von Beispielen aus dem anschaulichen Physik-, Geografie- und Chemie-Unterricht seiner achten Klasse Goetheanismus erlebbar und verständlich gemacht, was die wiederum zahlreichen Zuhörer aus Lehrer- und Elternschaft von Inhalt und Methode wohl endgültig überzeugt hat.

Vorangegangen waren am Samstagnachmittag drei Workshops zur Malerei, zur Wahrnehmung, zur Gestik und zur Plastik von Claudia Merkel Haist, Annette Gönner und Axel Schliwa und noch am Freitagabend im Anschluss an den Vortrag von Axel Schliwa eine mit den drei Farben gelb, rot und blau arbeitende Eurythmiedarbietung des Ensembles „Tanzraum Salem“ sowie die Eröffnung der gemeinsam mit dem Goetheanum konzipierten interaktiven physik- und optikfokussierten Ausstellung von Nora Löbe zu Goethes Farbenlehre im Aufenthaltsraum der Oberstufenschüler. Den Abschluss der zwei Tage bildeten musikalische Darbietungen von Heidrun Menzel und Thorsten Leonhard am Sonntagmorgen.

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Die Tafeln der Ausstellung sind noch bis Ende März im Foyer und den Fluren des Oberstufengebäudes aufgehängt und laden alle zur Betrachtung und zum Studium ein. Es ist der Ausstellung und ihren Betrachtern zu wünschen, dass die Tafeln rege wahrgenommen, eben beobachtet und empfunden werden.

Oliver Schneider

 

 

Näheres zum Thema finden Sie auf

www.goetheanismus.net