Balladenabend der 7. Klasse

 

An einem schwülwarmen Donnerstagabend, gut drei Wochen vor Johanni, entführte die siebte Klasse ihre Zuhörer in die Welt der Balladen. Manches Mal war dabei noch zu erahnen, dass Balladen ursprünglich Geschichten sind, die – gerne mit Musikbegleitung und durchaus tanzbarem Rhythmus (daher „Ballade, vom okzitanischen „balada“) – dem staunenden und erschütterten Volk auf Jahrmärkten vorgetragen wurden. Die dramatischen Balladen „Nis Randers“ von der Nordsee und „Die Brück´ am Tay“ aus Schottland, in der reale Ereignisse des neunzehnten Jahrhunderts mit mythischen Sagen verwoben wurden, berührten die Seelen des Publikums dabei ebenso wie die kürzeren Gedichte, zum Beispiel Rilkes „Panther“ oder Schillers „Taucher“, und vor allem die beiden Hauptstücke des Abends: Die „Bettlerballade“ und Schillers „Die Kraniche des Ibykus“. Sprachlich und eurythmisch stellten die Siebtklässler bei dieser Ballade nicht nur den Mord am Sänger Ibykus und die spätere Entdeckung der Mörder dar, sondern auch – schwarzgewandet und mit den Fackeln aus dem Achtklassspiel – die Erinnyen, also die antiken griechischen Rachegöttinnen, die gleichsam das schlechte Gewissen der Täter symbolisieren. Wie die Klasse in der Deutschepoche erarbeitet hatte und Herbert Göller einleitend erläuterte, gehören die schauerlichen und dabei auch moralisch-ethisches Bewusstsein ausbildenden Balladen nicht zufällig in die siebte Klasse:

Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden,
Sie schwingen in entfleischten Händen
Der Fackel düsterrote Glut,
In ihren Wangen fließt kein Blut.
(…)
Und schauerlich gedreht im Kreise
Beginnen sie des Hymnus Weise,
Der durch das Herz zerreißend dringt,
Die Bande um den Sünder schlingt.
Besinnungraubend, herzbetörend
Schallt der Erinnyen Gesang,
Er schallt, des Hörers Mark verzehrend,
Und duldet nicht der Leier Klang:
„Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle
Bewahrt die kindlich reine Seele!
Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,
Er wandelt frei des Lebens Bahn.
Doch wehe, wehe, wer verstohlen
Des Mordes schwere Tat vollbracht,
Wir heften uns an seine Sohlen,
Das furchtbare Geschlecht der Nacht!“

Auch und vor allem die Lieder haben das Publikum bewegt, zum Beispiel am Anfang des Abends die Vertonung von Goethes romantischem Gedicht „Der König in Thule“, bei der die ersten Tränen flossen. Heidrun Menzel hat trotz längerer Krankheit mit den Musikern der Klasse einige neue und alte Stücke für Solisten und Chor einstudiert. So konnte man zwischen Gesprochenem unter anderem Hörner, Cello, Querflöte und Gitarre hören. Schöner und emotionaler als mit Leonard Cohens „Hallelujah“ konnte der Abend nicht enden, glücklicherweise durfte das Publikum bei der Zugabe mitsingen.

Oliver Schneider